![]() 20.August 2005 3.Tag Gipfel
1 Uhr Wecken; 1:30 Uhr Frühstück. Müde und nervös wird abwechselnd gepackt und gefrühstückt, damit wir uns nicht gegenseitig in dem kleinen Zimmer --blockieren. Zum Frühstück gibt es 7 Kekse und natürlich Tee.
Um 2:15 Uhr ist dann endlich jeder fertig und wir betreten die Tür ins Freie. Der Ranger Ben und der Koch Heaven begleiten uns, Ben läuft vorn, Heaven am Schluss der Schlange.
Es ist eine wunderschöne Vollmondnacht, es ist so hell, dass wir nicht einmal unsere Stirnlampen brauchen. Ich bin noch müde vom Schlafen, fühle mich aber fit, laufe brav an meinem Platz im Gänsemarsch mit den anderen. Ich höre wieder Musik mit meinem mp3-Player, er lenkt mich etwas ab von den lähmenden Gedanken. Ja, viele Gedanken rasen mir durch den Kopf, es ist nicht gerade gemütlich durch Nacht und Kälte zu wandern, aber ich bin tapfer. Nach ungefähr 20 Minuten schaue ich auf die Uhr und die Überlegung, dass wir laut Tourenbeschreibung, heute 15 Stunden laufen werden, gefällt mir gar nicht. Jeder Schritt wird durch diese 15 kommenden Stunden gebremst, würde gerne aus Faulheit umdrehen. Es wird wenig gesprochen, Stille, als besteigen wir den Meru heimlich und nachts, damit er uns nicht bemerkt und abschütteln kann. Wir machen eine kleine Pause auf dem Rhinopoint auf 3800m, sie kommt mir gerade recht, ich ziehe mir was über, es ist doch sehr frisch und windig. Ich haue mir schnell noch ein Müsliriegel rein und es geht weiter.
Nun kann ich das Laufen genießen. Der Weg ist sehr abwechslungsreich, geht steil hoch und wieder runter, man läuft auf einem wilden brüchigen Kraterrand. Auch der Boden ist vielfältig, mal rutschiger Schotter und mal gefrorene Felsen. Ja, der Meru ist unfreundlich zu seinen Bewanderern und Bewunderern. Aber; unbeschreiblich tolle Landschaften, es ist genauso wie ich mir immer eine Mondwanderung vorstelle. Die dunkelgraue hüglige Landschaft, die langsamen schweren Schritte, dass tiefe Atmen und die Ruhe. Eine andere Reisegruppe ist noch unterwegs, in der Ferne sehe ich ihre schwarzen Silhouetten an einem Bergrand, auch sie laufen im Gänsemarsch. Manchmal führt uns der Weg, den wir ohne Guides niemals finden würden, über steile Hänge die seitwärts in schwarze Tiefen abfallen. Eigentlich bin ich froh, in der Nacht nichts von dem "Unheil" zu sehen. Das Grau in der Dunkelheit wirkt so unwirklich, wie sonst keine andere Farbe. Angeseilt sind wir natürlich auch nicht und so laufen wir vorsichtig auf den raureifen Steinen.
Wenn durch das ständige Trinken, die Blase drückt, bremst man etwas und stellt sich an die windgeschützten Felsen, der "Abschluss"-Guide überholt nicht, sondern wartet brav. Für Annett, unsere Frau im Team, ist die die ganze Angelegenheit etwas schwieriger einen geeigneten Platz zu finden, ohne die Gruppe zu verlassen und ohne abzustürzen. Wir erreichen 4000 m Höhe.
Nun sind gerade mal 2 Stunden geschafft und wir laufen weiter auf Lavasand, links und rechts geht es steil hinunter. Es wird natürlich nicht fotografiert in der Dunkelheit, aber die Erlebnisse dieser Vollmondnacht werden uns sicherlich in Erinnerung bleiben. Die abwechslungsreiche Strecke geht stark auf die Muskeln. Das Auf und Ab und der anstrengende Weg, denn mal muss man senkrechte Stufen hochklettern, mal muss man einen Lavasandberg bezwingen. Wenn wir nicht gerade an einem Hang laufen, sondern auf dem Grat, drückt ein starker Seitenwind gegen meine "Windstopper" Ausrüstung, die ideal ist und mir ein optimales Körperklima gestattet. Ich trage einen Fleecepulli, eine Fleecehose, eine Regenjacke, eine elastische Trekkinghose und eine wärmende Mütze, sowie Handschuhe und Schal. Langsam schwindet die Kraft, ich habe nicht die leiseste Ahnung wo das Ziel ist und wohin uns der Weg bringt.
Der Weg des Merus gibt einem das Gefühl, als schlängle er sich absichtlich von der linken zur rechten Seite des Kraters, um uns zu verwirren. Ja, der Meru ist unfreundlich. Als wir gerade an einem Hang auf der linken Seite entlang stolpern, machen wir Pause, um das einzigartige Szenario zu betrachten.
Hinter dem gigantischen Kilimanjaro steigt die Sonne empor und Strahlen des Lichts und der Wärme schießen durch ganz Afrika, wie es scheint. Wir sehen in dem nun wolkenlosen Tal, den kleinen Kegel des inneren Kraters und den Weg auf der äußeren Kraterwand, den wir heute schon überstanden hatten. Es wird hell und mein Wille, endlich zum Gipfel zu kommen, wird immer stärker. Bert will weiter, ich folge ihm, es kann nicht mehr weit sein, denke ich mir. Die anderen bleiben hier und ruhen sich noch aus. Wir klettern links und rechts im Zick-Zack immer weiter nach oben, noch ist das Ziel nicht in Sicht und immer wieder denke ich. dass wir da sind, dann geht es wieder runter und nochmals hoch. Inzwischen ist es hell und ich sehe die verfrorene Landschaft, die Steine sind unter einer glatten Frostschicht, meine Kräfte schwinden.
Wir sehen nun auch die grünen Markierungen für den richtigen Weg. Ich kann nicht mehr, Bert legt ein enormes Tempo vor, ich bleibe zurück, setze mich auf einen kalten Stein und schaue den steilen Abhang hinunter bis ins Tal, welches im Schatten des Merus liegt.
Ich bin alleine, Bert ist irgendwo da oben, wahrscheinlich ist er schon auf dem Gipfel, die anderen sind noch hinter mir. Ich versuche langsam aufzustehen und den Markierungen zu folgen. Meine Beine zittern vor Schwäche. Der Weg ist rutschig und manchmal kann ich nicht auf Anhieb den einfachsten Kletterweg ausmachen, ich habe nicht die Erfahrung wie die Guides. Sie erkennen gleich, wo man am besten laufen kann. Mühsam und wankend klettere ich nun quer durch die Landschaft und hoffe, nicht abzurutschen. Dann, schließlich sehe ich den Gipfel, nun aber wirklich. Bert winkt zu mir herunter, ich bin erleichtert und schwach und bedauere, dass dort oben kein Bett steht, in dem ich mich fallen lassen kann. Um 7:15 Uhr, nach 5 Stunden laufen erreiche ich den Gipfel des Mount Merus auf 4562m.
Für einen Moment bin ich mit Bert ganz allein auf dem Gipfel mit der Tansanischen Fahne und schaue andächtig ins Tal hinunter. Wir haben ihn besiegt, schnell und unbemerkbar, haben wir uns hoch geschlichen, haben den gefährlichen Weg trotz seiner trügerischen Hindernisse beschritten. Bert trägt sich in das Gipfelbuch ein. Diesen Augenblick, versuche ich mit Fotos festzuhalten
Dann wird es voll auf dem schmalen Gipfel, Annett und Veit und die andere Reisegruppe, die wir beim Sonnenaufgang überholt haben, erreichen das Ziel. Es ist nicht einmal Platz zum Hinsetzen und man muss auf jeden Schritt aufpassen, sonst fällt man tief (mindestens 1000m);
Die Sonne scheint strahlend über die wolkenlose Gegend.
Bert geht mit dem frierenden Ranger nach unten. Ich warte bis Annett und Veit wieder nach unten wollen und gehe mit ihnen.
Es geht ihnen beide nicht so gut, sie leiden unter der Höhe und plagen sich mit Durchfall, Übelkeit und Kopfschmerzen. Gemeinsam klettern wir wieder hinunter, durch eine Wolke, die sich unter dem Gipfel verfangen hat, es ist neblig und kalt.
Es sind alle gut drauf, da es jetzt geschafft ist und da wir uns alle so schwach fühlen, dass nichts anderes mehr hilft als gut drauf zu sein.
Auch ich fühle mich erleichtert und viel besser, als vor dem Gipfelaufstieg, habe inzwischen auch zwei Powerriegel und einen Müsliriegel verschlungen. Der Pfad zurück ist genau so lang und ewig wie der Hinweg, nur sieht er jetzt im Licht ganz anders aus und viel gefährlicher.
Steinwüsten und Vulkanlandschaften zu sehen ist schon ein einmaliges Erlebnis. Heaven ist bei uns und zeigt uns immer den besten Weg, sobald ich mal vorlaufe, verliere ich entweder die grünen Markierungen oder muss gewagte und anstrengende Klettermanöver durchführen, um wieder auf den richtigen Weg zu kommen.
Langsam verliere ich die Lust am Laufen, wir werden auch immer langsamer und machen viele Pausen, in denen wir das Fotografieren nachholen, was beim Hinauflaufen nicht möglich war. Manchmal setzen wir uns einfach hin und stöhnen, unser Guide wird schon ungeduldig, weil er auf uns warten muss. Er war aber Annett und Veit eine große Hilfe, als es ihnen nicht so gut ging und er sie bis zum Gipfel immer wieder motiviert und unterstützt hat Als der Weg einfacher wird, verlässt uns Heaven und spurtet vor, er weiß, wir kommen alleine zurecht. Es ist sogar sehr warm geworden, ich habe keine Lust anzuhalten, um mir ein paar Kleidungsstücke auszuziehen. Das Trinkwasser ist sehr kalt, dass ich lieber darauf verzichte. Durch die trockenen Wege werden unangenehme Staubwolken aufgewirbelt. Kurz vor dem Erreichen des Camps stellen sich auch bei mir Kopfschmerzen ein. Ich bilde mir ein, die Kopfschmerzen habe ich einem Hitzestau zu verdanken (später aber war mir klar, dass das höhenbedingte Kopfschmerzen sind, die bei mir immer erst beim Abstieg auftreten).
Juhu, endlich ! Wir erreichen das Camp, eine ganze Stunde nach Bert, um 11:15 Uhr. Doch das ist noch nicht alles an diesem Tage, es geht noch weiter, wir müssen noch ganz nach unten. Wir haben aber 2 Stunden Pause, bekommen ein Frühstück: Suppe, Gurken, Wurst und Ei. Neidisch schaue ich zu der anderen Reisegruppe, die einen großen Berg Pommes mit Hähnchen bekommt. Bert, der Gipfelstürmer, gibt eine Runde Schokolade aus. Und Veit, der heute Geburtstag hat, spendiert eine Cola dazu.
Nach dem lästigen Packen geben wir William, die vorher vereinbarten Trinkgelder zum Verteilen. Jeder von uns gibt 50$ Trinkgeld. Der Ranger bekommt 50$ und die restlichen 150$ werden unter den anderen aufgeteilt.
Die Motivation ist natürlich am Boden, denn wir müssen den ganzen Weg nun wieder zurücklaufen. Zwei weitere endlos lange Stunden laufen wir zurück zu der "Mirakamba Hut", unser erstes Camp. Es ist 15 Uhr, Lunchpause und Halbzeit. Wir können alle nicht mehr und sind froh, wenn wir nicht mehr laufen müssen. Und wir haben Glück! Ein Träger kann nicht mehr weiter, wer das ist, aus welcher Gruppe und aus welchen Gründen, bleibt unklar, aber es steht für uns ein Jeep bereit, der uns ganz nach unten bringt.
Wir stellen uns alle auf die Ladefläche und halten uns an Stangen fest. Der Jeep fährt durch den Nationalpark in das so oft hineingeblickte Tal. Wir sehen schwarzweiße Affen, die an Bäume hängen, Rehe und Büffel. Die wilde Jeepfahrt geht durch Pfützen und unwegsames Gelände, als wäre ich auf einer Camel Adventure Tour.
Nach einer Stunde Fahrt sind wir wieder am Gate, wo alles anfing und von dort aus sind es noch mal 1,5 Stunden mit dem Minibus, zurück zur AFROMAXX-Basis. Endlich geschafft! Ich genieße die Dusche und freue mich, dass ich die Tour gut und ohne Blasen, wenn auch mit etwas Rückenschmerzen, überstanden habe. Ich freue mich, dass ich morgen einen Ruhetag habe und ausschlafen kann. Morgen werden die anderen aus meinem Kilimanjaro-Team anreisen, ich bin gespannt und hoffe, dass mir ein Tag Ruhe ausreicht, um mich zu regenerieren. Was für ein toller Ausflug. |
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